Die Flutkatastrophe, das Ahrtal und die Nordfriesischen Inseln

Bei dem 1362 untergegangenem Rungholt

Viele werden sich jetzt fragen was das Ahrtal mit den nordfriesischen Inseln zu tun hat. Ich will hier an dieser Stelle einmal meine Gedanken dazu teilen.

Heute Nacht, vom 11. auf den 12. Oktober verschwand die Insel Strand vor 387 Jahren in ihrer damaligen Form und Größe von den Karten. Es blieben nur die Insel Pellworm und Nordstrand, sowie die Hallig Nordstrandischmoor über. Ein Großteil der einst hufförmigen Insel Strand war für immer verloren. Die Burchardiflut oder auch die zweite grote Mandränke genannt, hatte in dieser Nacht in Nordfriesland etwa 8000 Menschenleben gefordert, man geht sogar von doppelt so vielen aus.

Die Natur hatte unbarmherzig zugeschlagen und viele Menschenleben gefordert, unzählig viel Vieh und Wildtiere wurden dahingerafft und die Überlebenden standen vor ihren Ruinen und unvorstellbar großen Herausforderungen. Damals in Nordfriesland und jetzt auch im Ahrtal.

Ehemaliger Stackdeich bei dem 1634 untergegangenem Hersbüll

Die Bewohner der neuen Insel Nordstrand hatten keine Kraft, von alleine ihre Insel wieder neu einzudeichen und so überspülte täglich jede Flut die Insel von neuem. Das ging so ganze 20 Jahre weiter, bis der damalige Herzog Deichbauer aus den Nierderlanden und Brabant in das Land holte. Ihnen gelang die erste Eindeichung 1654 mit dem „Alterkoog“, 1657 folgte der Osterkoog und 1663 der Trindermarschkoog.

Auch im Ahrtal wird der Wiederaufbau nicht in einem Jahr abgeschlossen sein und Vieles ist durch die Fluten für immer verloren gegangen, viel Leid und viel Trauer mussten und müssen die betroffenen Menschen ertragen, damals wie heute.

Im Ahrtal ist aber auch etwas Neues entstanden, eine unbeschreiblich große solidarische Gemeinschaft hat sich im Ahrtal entwickelt, aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland kommen Menschen mit großen Herzen und helfen den betroffenen Flutopfern beim Wiederaufbau. Den in das Land geholten Deichbauern versprach der Herzog Friedrich III das neu eingedeichte Land und sogar die Religionsfreiheit heute kommen die Helfer ohne Versprechen von Oben, nur aus freien Stücken, um zu Helfen und den Menschen im Ahrtal Mut zu geben!

Flutwein aus dem Ahrtal und die Hallig Nordstrandischmoor beim Sonnenuntergang

In der letzten Woche fand auf Nordstrand die jährliche Deichschau statt, eine Begehung und Begutachtung der Deiche, denen ein guter Zustand bescheinigt wird. Wenn ich allerdings auf den Katastrophenfall im Ahrtal schaue wird mir klar das die Natur sich davon nicht beeindrucken lassen wird!

Ich stand da und konnte es nicht begreifen.

Ich stand da und konnte es nicht begreifen

Ein grüner Frosch und eine gelbe Ente im Ahrtal

Eines Tages, es ist gar nicht so lange her, sahen wir auf Facebook einen mit Schlamm verschmierten Flügel auf der Seite unserer Freundin, ganz ohne Kommentar. Das kann doch gar nicht sein dachte ich, denn die Freundin wohnt in Köln und die Flutkatastrophe im Ahrtal liegt noch eine kleine Ecke weiter südlich. Heike nahm sofort Kontakt mit ihr auf und so erfuhren wir, dass sie bei Ihrer Mutter in Bad Neuenahr ist und das ihr Haus bis knapp unter das erste Stockwerk überflutet war.

Wir baten sofort unsere Hilfe an, aber sie meinte das es ihnen, den Umständen entsprechend, gut geht, dass das Haus nicht zerstört ist aber es muss unbedingt schnell getrocknet werden. Sie hatte sich schon über Bautrockner informiert und hatte schnell begriffen das Eile geboten ist, denn sie waren bereits zu dem Zeitpunkt Mangelware.

Nun, wir hatten mit Bautrocknern eigentlich nichts am Hut, bis dahin, das sollte sich also bald ändern. Wir schauten als erstes bei Ebay-Kleinanzeigen und da sprang uns solch ein Gerät förmlich auf den Präsentierteller. Nach etwas Recherchearbeit war uns klar, dass es ein guter Preis war, den der Verkäufer da veranschlagt hatte. Ein kurzes Telefonat reichte und ich gab ihm eine verbindliche Zusage. Gleich am nächsten Tag machten wir uns auf die Reise nach Timmaspe zwischen Nortorf und Neumünster. Der nette Verkäufer gab uns auch einen großzügigen Nachlass als er hörte das er in der Katastrophenregion seinen Dienst verrichten soll. Vielen Dank an dieser Stelle noch mal. Wir verzurrten das doch recht große Gerät am Beifahrersitz, weil so ein Freizeitmobil keine vernünftigen Zurrpunkte hat und so ging die Fahrt zurück nach Nordstrand.

Heike hatte sich schon am Tag vorher Gedanken über die Finanzierung gemacht und als wir wieder zu Hause waren begann sie unsere Freunde anzusprechen und um eine Spende zu bitten. Und so bekamen wir tatsächlich 50% des Kaufpreises zusammen und das fühlte sich sehr Stimmig an. Vielen Dank an unsere alten Freunde und die Kirchengemeinde der Alt-Katholischen Kirche auf Nordstrand!

Gedanken mussten wir uns jetzt natürlich auch um den Transport nach Bad Neuenahr machen. Der herkömmliche Versandweg fiel wegen der Gerätegröße aus, es blieb eigentlich nur noch eine Spedition aber die Lage da unten war einfach zu unübersichtlich und wir hörten von Lieferungen die angeblich nicht zustellbar waren. Außerdem wollten wir natürlich sicher sein, dass der Bautrockner auch wirklich bei unserer Freundin ankommt.

Wir verfolgten die täglichen Neuigkeiten dort unten fast ausschließlich über Markus Wipperfürth auf Facebook, denn es kristallisierte sich bereits schon lange vorher heraus das sich dort bei ihm eine Art Hilfezentrale entwickelte. Die ersten Hilfstrupps der Hilfsorganisationen aus Schleswig-Holstein waren bereits auf dem Weg in das Krisengebiet und so kam uns das wir einfach mal bei der Feuerwehr Nordstrand nachfragten ob eine Transportmöglichkeit bestehen würde. Die Einheiten waren aber leider schon auf dem Weg und die Zeit verrann uns unter den Füßen. Außerdem, unsere Freundin und ihre Mutter dachten bereits wieder an das Aufgeben, kamen ein paar Engel einer Baptistengemeinde zu unserer Freundin und boten ihre Hilfe an. Am nächsten Tag standen 8 Fachleute in der Wohnung und begannen den Putz ab zu klopfen

Also beschlossen wir uns am Samstag ganz kurzfristig, dass wir am Montag darauf mit unserem Bulli selber herunterdüsen. Jetzt gingen uns so viele Dinge durch den Kopf, Heike kümmerte sich wie immer um das was wir für zwei Tage zum Leben mitnehmen müssen und ich baute schnell noch vier Haltepunkte im Fahrzeug ein damit der Bautrockner auch sicher feststeht, ja und dann noch die Bedienungsanleitung ausdrucken, die Bescheinigung unserer Freundin das wir auch direkt zu ihr herunterkommen und so Vieles mehr war zu bedenken. Todmüde fielen wir zu Bett und die vielen Gedanken wollten nicht verstummen aber irgendwann sind wir wohl doch eingeschlafen.

Und so begann am Montag die Reise zu einem ungewissen Ziel, denn wir hatten ja die ganzen grauseligen Bilder aus den Medien vor Augen und wussten nicht was auf uns zu kommen würde.

Und so begann unsere erste lange Reise mit dem Bulli.

Man sagt ja das es den Nordstrandern sehr schwer fällt über den Damm auf das Festland zu fahren und uns ging es gerade an diesem Tag genau so. Eine Autobahn gibt es in Nordfriesland nicht und die B5 ist schon eine Herausforderung aber wir waren das Reisen ja gewohnt und so kamen wir unserem Ziel immer näher und natürlich auch dem Feierabendverkehr in der Kölner Umgebung, der uns den sehr guten Reiseschnitt doch glatt versaute. Im Nachhinein war es aber wirklich gut so.

Google Maps als Navigation war in diesem Fall Gold wert, denn dort ist wirklich die aktuelle Verkehrssituation abgebildet. Unsere letzte Etappe leitete uns durch eine wirklich schöne Landschaft mit Wäldern und Obstanbaugebieten. Hier herrscht noch heile Welt.

Es wurde immer spannender und tausend Gedanken gingen uns durch den Kopf, werden wir runter zur Ahr durchgelassen? Wie ist der Plan B? Ist es vielleicht doch möglich von weiter Oben in der Stadt den Fußmarsch zur Wohnung zu machen?

Wir hatten irgendwie schon die Orientierung verloren, alle möglichen Straßen waren gesperrt und unsere Köpfe und Gedanken schwirrten nur so im Strom der Fahrt. Dann waren wir auf einem großen Kreisel an den ich mich auf Google Maps erinnerte und so kamen wir langsam aber sicher immer weiter herunter in Richtung Ahr.

Das Bild hatte sich schon komplett verändert wir fuhren an Plätzen vorbei die mit zerstörten Autos überfüllt waren, an provisorischen Schutthalden, eine Tankstelle war zerstört, der Dreck auf der Straße nahm immer mehr zu aber was am unheimlichsten war, war die Ruhe und die Leere in den Straßen. Ein alter Herr mit Stock und in Gummistiefeln irrte irgendwie die Straße entlang.

Es war irgendetwas zwischen 18:00 und 19:00 Uhr und so hatten wir freie Fahrt, denn vorher hätten sie uns wohl nicht durchgelassen. Wir schauten in eine Seitenstraße und sahen ein zerstörtes Auto am Straßenrand ohne das wir wussten das es das Auto unserer Freundin war. Es hatte sich bei der Flut wohl einen Weg weiter höher in einen Garten gesucht aus dem es gerade geborgen wurde.

Die Navigationsstimme sagte: biegen Sie jetzt in die Eichendorffstraße ein, ich konnte es gar nicht fassen das wir schon angekommen waren. Fahren konnten wir nur im Schritttempo, weil dieser Schlamm so verdammt glitschig ist und plötzlich standen wir vor dem Haus, in Sandalen und rings um uns herum zentimeterhoher Matsch und aufgeräumtes Chaos. Wir zogen schnell Stiefel an und dann durften wir unsere Freundin nach über zwanzig Jahren wieder einmal in die Arme nehmen, uns fehlten in diesem Moment die Worte und die Tränen kullerten und so durften wir dann auch ihre liebe Mutter kennenlernen, in all diesem Chaos, in diesem Schlamm, in dieser verzweifelten Situation!

Ich stand da und konnte es nicht begreifen.

Ich stand auf der Straße vor dem Haus und blickte auf den Rosengarten im Kaiserin-Auguste-Park, es ist nur Dreck, Schlamm und Unrat geblieben aber ein paar Rosenblüten, die diese unglaubliche Flut überlebt haben, als wenn die Engel sie beschützt hatten, geben wieder Hoffnung, Hoffnung das es wieder voran geht und das Aufgeben keine Alternative ist.

Ich ließ es mir nicht nehmen einmal zur Ahr zu schauen, die jetzt wieder ganz friedlich in ihrem Bett dahinfließt. Ganze Uferbereiche sind zerstört, Kabel und Wasserleitungen sind freigelegt und dort wo sie sich festkeilen konnten haben sich Äste und ganze Baumstämme verkeilt. An dem jenseitigen Ufer das Peter-Joerres-Gymnasium, es sieht nicht gut aus.

Ein Trecker brummt vor dem Park und holt einen vollen Container mit dem was die Menschen aus ihren Häusern herausgeholt haben. Sonst ist fast nichts zu hören, kein Autoverkehr, keine fröhlichen Stimmen von Spaziergängern im Park, nicht einmal an Vogelstimmen kann ich mich erinnern.
Ich bleibe nicht lange am Ufer, ich kann den Anblick einfach nicht ertragen und ich will natürlich auch die kurze Zeit nutzen um etwas Mut zu spenden.

Unsere Freundin erzählt was sie gesehen und erlebt hat als das Wasser kam, was alles in den Fluten vorbei schwamm und dann diese Angst, diese grausamen Geräusche, diese Ungewissheit ob sie dieses Inferno heil überleben werden. Das Garagentor war herausgerissen und der Inhalt wurde fortgespült, der Öltank im Keller schwamm auf und die Zulaufrohre wurden abgerissen aber das Haus hat es überstanden, auch wenn die Schäden groß sind, sie sind zu reparieren.

Sie erzählte uns auch von der unglaublichen Solidarität der Helfer, von wildfremden Menschen die ihre Hilfe anbieten, die etwas zu essen bereiten, die für das Nötigste sorgen, denn sie können noch so viel am Wasserhahn drehen, da kommt kein Wasser, auch kein Licht will die Zimmer erhellen, es gibt keinen Strom, außer von den Aggregaten und ich denke die Kanalisation wird auch nicht in einem brauchbaren Zustand sein, bringt auch nichts, weil nichts zum Spülen da ist.

Wie kann man in diesem ganzen Chaos eigentlich noch Mut fassen? Ich weiß es nicht? Ich bin immer gut behütet durch das Leben gekommen und das größte Chaos war für mich die Schneekatastrophe die ich miterlebte als ich gerade meine Ausbildung abgeschlossen hatte. Wir hatten immer Strom, immer fließendes und sehr gutes Wasser, immer ein warmes Nest in dem wir geborgen unser Leben verbrachten und jetzt konnte ich mit eigenen Augen sehen, was es heißt so viel zu verlieren, vor Trümmern zu stehen und vielleicht auch jemanden Liebes verloren zu haben, von jetzt auf gleich. Der Mut kommt auch von diesen vielen kleinen Engeln die helfen und genau im richtigen Moment erscheinen, wenn man schon fast am Aufgeben ist. So können die Menschen wieder Mut fassen, Mut zum Leben, Mut um in die Zukunft zu blicken, Mut weiter zu machen.

Genau solche Engel kamen auch noch die schlammüberzogene Straße langgefahren, Freunde die ihr Auto auch mit einem Bauentfeuchter beladen hatten. Auch sie hatten solch ein Gerät über Spenden kaufen können und so stehen jetzt der grüne Frosch und die gelbe Ente im Haus und verrichten ihre Arbeit!

Die Zeit verlief im Fluge und wir waren so gesättigt von dem Erlebten, von den Bildern, von der Wiedersehensfreude in diesen wirren Tagen, das der Abschied kam. Wir haben hoffentlich ein klein wenig Hoffnung gebracht und Zuversicht in die Zeit des Wiederaufbaus, des Neubeginns.

Wir fuhren wieder hinauf mit dem Ziel der Gummibärchenproduktionsstätte Haribo. Dort werden die Einsätze der freiwilligen Helfer koordiniert und auch mit Shuttlebussen in das Tal gebracht. Es gibt dort einige Wiesen auf denen die Helfer campieren oder auch tagsüber parken. Wir suchten uns einen Platz vor einer Zeltstadt des Deutschen Roten Kreuzes und wir waren überwältigt von dem was dort so aufgebaut wurde. Helfer des DRK aus ganz Deutschland, Kennzeichen aus München und Kiel haben wir gesehen und auch einen gedruckten Zettel in der Windschutzscheibe mit folgendem Text: Auch wir sagen Danke allen freiwilligen Helfern. Ohne Euch geht es nicht!
Am frühen Morgen, als die Nebel sich lichteten, begann das Leben in dem Gewerbegebiet wieder. Ein Helfer, der die Einteilung machte, sprach uns an und erzählte das hier an den Wochenenden täglich rund 2000 und in der Woche 750 Helfer, die teilweise sogar in ihren PKW’s schlafen, zusammenkommen und in die Einsatzgebiete gefahren werden. Auch können Betroffene Hilfsanfragen stellen, die dann von hier aus, wenn möglich, bedient werden. Es ist eine unglaublich offene und vor allem junge Gemeinschaft.

Hier vor Ort an der Basis, im Dreck halten alle zusammen!

Fast zu Hause, wir waren vor dem Elbtunnel sagte Heike zu mir: Lass uns noch nicht nach zu Hause, ich möchte erst mal nach Büsum, einfach etwas anderes sehen, runterfahren, das Erlebte beginnen zu verarbeiten.

Eine Sache hat sich tief in mein Herz gebrannt, wir schauten gerade hinter dem Haus in den Garten, der kein Garten mehr war, als unsere Freundin eine Barbiepuppe aus dem Schlamm zog.

Es gibt noch so unendlich viel zu tun und es werden noch viele, ganz viele Engel benötigt um das alles wieder einigermaßen aufzubauen!

Ich stand da und konnte es nicht begreifen

Unser Traum ist es eines Tages Perdita und ihre Mutter zu uns nach Nordstrand einzuladen. Perdita liebt die Natur, sie liebt das Meer und sie liebt die Musik. Perdita ist Musikerin und würde gerne für Euch in unserem Theresiendom einige Stücke auf dem Klavier spielen ich denke das wird uns allen gefallen und auch allen gut tun.

Die Devise der Nordfriesen lautet Rüm Haart, Klaar Kimming, Großes Herz und weiter Horizont. Nicht nur die Nordfriesen haben ein großes Herz, die einfachen Deutschen haben ein großes Herz!
Den weiten Horizont, den klaren Verstand und den Entscheidungswillen würde ich gerne den Verantwortlichen und den Politikern wünschen!

Engel können wir alle sein!

Sommersturm

Heute hatten wir an der Nordsee stürmische Böen.
Auf der Halbinsel Nordstrand bei dem Hafen Strucklahnungshörn jagte ein Schauer den nächsten, unterbrochen von herrlich klarem Sonnenschein. So schön kann ein Sommersturm sein!

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